Das Griffbrett beherrschen – effizient lernen

Vor einigen Jahren war ich auf einem Konzert der damaligen „G3“ – Steve Vai, Joe Satriani und Steve Morse. Es war faszinierend und frustrierend zugleich. Steve Vai spielte mit der Gitarre – zeitweise hinter seinem Rücken – in einem wahnsinnigen Tempo und mit traumhafter Sicherheit. Jeder Ton hat gesessen. In diesem Beitrag möchte ich einige Ideen mit Dir teilen, wie man als normaler Sterblicher zumindest in der Standard – Spielhaltung – Gitarre vor dem Bauch – das Griffbrett beherrschen lernt.

Warum solltest Du als Gitarrist das Griffbrett beherrschen?

Ganz einfach: Du verbringst, wenn Du das Griffbrett beherrschst, weniger Zeit mit den langweiligen und mehr Zeit mit den Dingen, die beim Gitarre spielen Spaß machen. Oder bereitet es Dir Vergnügen, mühsam Bünde abzuzählen und die Noten auf dem Griffbrett zu suchen, während Du immer wieder zwischen Tabulatur und Griffbrett hin- und herschaust?

Wenn Du das Griffbrett beherrschst, kannst Du:

  • Noten und Melodien vom Blatt abspielen, ohne auf die Gitarre zu schauen,
  • zu jeder beliebigen Tonart jammen,
  • bei Auftritten ins Publikum schauen und viel präsenter sein, als wenn Du krampfhaft auf das Griffbrett starrst.

Ich will ehrlich sein: Der Weg dahin ist lang und hart, aber es lohnt sich. Und wenn Du ein paar Tipps beherzigst, dauert es nur Monate und nicht Jahre. Und es macht sogar Spaß.

Gehen wir es an?

Ein paar Überlegungen zum motorischen Lernen

Egal, ob Du eine Sportart lernst, mit 10 Fingern blind schreiben auf der Computer – Tastatur, oder Gitarre – Spielen, der Lernvorgang läuft immer ähnlich ab.

Schritt 1: Auswendig lernen

Beim Sport zeigt Dir jemand langsam die Bewegungen, und Du ahmst sie nach, bis Du sie verstanden hast. Zum Tippen lernen prägst Du Dir das Schema ein, mit welchem Finger Du welche Tast drückst. Mit der Gitarre lernst Du die Töne auf dem Griffbrett auswendig und prägst Dir die Fingersätze ein.

Schritt 2: Langsam üben und immer wieder korrigieren

Jetzt heißt es, die Bewegungen auszuführen und Fehler zu korrigieren. Das kann durch einen Trainer oder Lehrer, aber auch im Selbststudium passieren. Dabei werden einzelne Bewegungen zu komplexeren Abläufen verbunden, die automatisiert ablaufen. 10 – Finger – Tippen habe ich dadurch gelernt, dass ich bei der täglichen Arbeit immer darauf geachtet habe, beim Tippen die Finger korrekt zu verwenden. Das war mühsam und kostete mich Disziplin, weil ich anfangs mit 2 Fingern schneller schreiben konnte als mit 10.

Schritt 3: Automatisieren von komplexen Bewegungsabläufen

Texte tippen kann ich, ohne auf die Tastatur zu schauen. Ich schaue lieber auf den Bildschirm und sehe sofort, wenn ich mich vertippt habe. Oder ich schreibe einen Text ab und brauche den Blick nicht vom Text abzuwenden. Ich weiß nicht, wo die einzelnen Buchstaben auf der Tastatur liegen…ich könnte kein Tastatur – Layout aus dem Gedächtnis aufmalen. Ich denke ein Wort, und meine Finger schreiben das komplette Wort, ohne dass ich nachher wüsste, wohin sie getippt haben.

Der Weg dahin war: Viele verschiedenen Texte mit ganz vielen Wörtern schreiben. Ich habe es nicht gelernt durch:

  • Auf einen Text schauen, mir ein Wort merken, auf die Tastatur schauen, und mühsam die Buchstaben zusammensuchen. Beim Gitarre spielen machen wir das oft so.
  • Hundertmal dasselbe Wort hintereinander tippen. Beim Gitarre spielen üben wir oft stundenlang dasselbe Lick. Geht dann zwar rasend schnell von der Hand, aber auch nur genau dieses Lick.
  • Verwenden einer speziellen Schrift, die mir sagt, auf die wie vielte Taste der Tastatur ich drücken soll. Nichts anderes macht im übertragenen Sinne eine Tabulatur für Gitarre. Naja, ich gebe zu, die Dinger sind manchmal ganz nützlich. Aber sag‘ mal zu einem Keyboarder: Wir spielen jetzt die Dur – Tonart, die auf dem 8. Bund der tiefen E- Saite beginnt. Der schaut Dich nur mit großen Augen an.

Genug der Überlegungen, jetzt lass uns anfangen!

In der Abwechslung liegt das Erfolgs – Geheimnis

Von Experten des motorischen Lernens wird empfohlen, Abwechslung in die Übungen zu bringen. Im Sport lernst Du nicht zuerst alle möglichen Bewegungen in der Theorie und beginnst erst dann zu automatisieren. Du lernst erst ein paar Basics und fängst an, den Sport zu betreiben.

Das tun wir jetzt auch.

Eine Übung zum auswendig lernen

Als erstes solltest Du ein oder zwei der gängigen Griffbrett – Pattern auswendig lernen. Ich empfehle Dir, mit C – Dur und A – Moll zu beginnen, denn die meisten anderen Tonarten lassen sich daraus ableiten.

Die 5 Pattern

Hier sind die 5 Pattern, die Du ohne Überstrecken der Finger spielen kannst:

Griffbrett beherrschen - die 5 C - Dur Patterns
Alle 5 C-Dur Pattern

Es gibt noch andere Möglichkeiten, die „three notes per string“ Pattern, die sich insbesondere für schnelle Licks eignen. Die schauen wir uns in einem anderen Beitrag an.

In jedem blauen Kasten siehst Du jeweils ein Pattern, und jedes erstreckt sich über maximal 5 Bünde. Nimm Dir am besten erst einmal eines vor. Sollen wir mit dem im 5. Bund beginnen?

Griffbrett beherrschen - C - Dur und A - Moll - Pattern im 5. Bund
A-Moll Pattern im 5. Bund mit Noten
Griffbrett beherrschen - C - Dur und A - Moll - Pattern im 5. Bund
A-Moll Pattern im 5. Bund mit Fingersatz

 

1 = Zeigefinger, 2 = Mittelfinger, 3 = Ringfinger, 4 = kleiner Finger

Du kannst, wenn Dir das den Lagenwechsel auf der G – Saite vereinfacht, auch das A auf der D – Saite mit dem 4. Finger greifen. Probiere beide Varianten aus.

Den Grundton der C – Dur – Tonleiter habe ich blau gefärbt und das A der A – Moll – Tonleiter rot. Denn beide Leitern bestehen aus denselben Tönen, fangen nur jeweils auf einem anderen Grundton an. Diese Grundtöne, die Lage auf dem Griffbrett und mit welchem Finger Du sie spielst, solltest Du Dir als erstes merken. Später solltest Du alle Töne diese Pattern verinnerlicht haben.

Die Übung

Jetzt zu unserer ersten Übung: Spiele die Töne aufwärts vom ersten bis zum letzten C. Sage Dir den jeweiligen Ton laut vor oder singe ihn mit. Dann spiele abwärts vom höchsten zum tiefsten C und sage die Töne wieder laut auf.

Dieselbe Übung wiederholst Du mit A als Grundton. Gut ist es, wenn Du gar nicht auf das Griffbrett schaust. Sollte das noch nicht klappen, schau ruhig erst mal hin. Achte aber auch darauf, dass Deine Finger möglichst nahe am jeweils oberen Bundstäbchen aufsetzen, damit es nicht scheppert. Sobald Du etwas mehr Übung hast, versuchst Du wieder, die Tonleiter blind zu spielen.

Schaue, während Du spielst und die Noten aufsagst, auf das Pattern und verbinde im Gehirn den gerade gesetzten Finger mit dem Kreis auf dem Bild. Irgendwann später wirst Du genau wissen, welchen Ton Du gerade spielst, auch wenn Du ihn nicht aufsagst und nicht auf das Bild schaust. Vielleicht siehst Du im Geiste oder auf Deinem Griffbrett auch die blauen und roten Kreise. Ich habe einmal gelesen, dass Schachmeister ihre Figuren mit Pfeilen auf dem Brett sehen, die ihnen zeigen, wohin sie ziehen dürfen. Und so eine Art Mauern auf Feldern, die von anderen Figuren bedroht werden. Dadurch können sie intuitiv spielen, ohne lange nachzudenken.

Variiere die Übung

Mache, wenn Du eine Oktave gespielt hast und wieder auf dem jeweiligen Grundton bist, ein Pause. Wiederhole den Grundton und spiele die Tonleiter weiter. Das hilft Dir später, im Solospiel immer wieder den Grundton zu finden.

Probiere mal, die drei C’s oder die drei A’s direkt hintereinander zu spielen, ohne auf das Griffbrett zu schauen. Wiederhole das mit anderen Tönen.

Üben und korrigieren

Jetzt geht’s an die nächste Stufe: Das Gelernte anwenden, um es zu vertiefen und Fehler auszumerzen. Was beim Tippen Lernen das Schreiben von Texten ist, ist beim Fingersätze Lernen das Spielen von Melodien.

Ich verzichte bewusst auf die üblichen Solo – Licks, die oft in Tutorials und Workshops angeboten werden. Wenn Du die zu lange wiederholst, wirst Du beim Improvisieren automatisch immer wieder darauf zurückgreifen. Das wird irgendwann langweilig.

Nimm Dir statt dessen Lieder oder Songs vor, die in C – Dur oder A – Moll notiert sind, und spiele sie vom Blatt ab. Falls Du ein Programm wie Guitar Pro oder TuxGuitar nutzt, schaltest Du am besten die Tabulatur – Ansicht aus und spielst nur nach Noten. Das kann am Anfang extrem mühsam, wenn nicht sogar nervig sein. Halte durch, Du wirst später damit belohnt, dass Du viele Sachen direkt vom Blatt abspielen kannst.

Mit viel Übung wirst Du die Melodien vielleicht sogar mit Deinem „inneren Ohr hören“, bevor Du sie gespielt hast. Wenn Du mit dem Notenlesen anfangs gar nicht klar kommst, kannst Du parallel auf Noten und Tabulatur schauen und damit nach und nach das Notenlesen lernen. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass Du eine Melodie nur denken brauchst, und schon spielst Du sie. Oder Du hörst eine schöne Melodie und kannst sie sofort nachspielen. Das fühlt sich so ähnlich wie Singen an, es passiert „intuitiv“.

Wichtig ist Abwechslung, dann lernst Du schneller. Spiele verschiedene Songs, nicht immer denselben. Ich habe mit Weihnachtsliedern angefangen. Sie haben den Vorteil, dass man die Melodie meistens auswendig kann. Momentan übe ich alte Songs von „In Flames“, eine – wenn man vom Shouten des Sängers absieht – wunderbar melodisch Musik mit tollen, zweistimmigen Gitarren – Linien.

Automatisieren von komplexen Bewegungsabläufen

Jetzt kommt meine Lieblings – Übung: Improvisieren. Im Internet werden viele Jam – Tracks zum Download angeboten. Nimm‘ welche in C – Dur und A – Moll und soliere dazu mit dem Griffbrett – Pattern, das Du gerade gelernt hast. Du kannst Dir auch selbst einen Jam – Track aufnehmen, guckst Du in Gitarren Recording mit Ardour und Songs aufnehmen mit Ardour Teil 1: Rhythmus-Gitarre.

Ich habe mir ein neues Spielzeug zugelegt: Den „Digitech Trio+ Band Creator“. Ein kleines schwarzes Kästchen, dem Du ein paar Akkorde vorspielst, und schwups – baut er das passende Schlagzeug und die Bass – Begleitung dazu. Außerdem hat er einen Looper an Bord, mit dem Du beliebig viele Gitarren – Spuren übereinander aufnehmen kannst.  Macht so viel Spaß, dass ich manches Mal erst aufgehört habe, als sich meine Hornhaut auf den Fingerkuppen zu schälen anfing ….

Und nicht vergessen: Das A und O ist die Abwechslung

Das heißt: Immer wieder die Pattern auf dem Griffbrett üben. Nimm‘ dir zum Beispiel jetzt das Pattern im 12. Bund vor. Und dann spielst Du wieder nach Noten. Du kannst auch ein und dasselbe Stück mit unterschiedlichen Pattern spielen. So verknüpft Dein Gehirn mit der Zeit die verschiedenen Lagen, und Du lernst, an vielen verschiedenen Stellen des Griffbretts dieselben Töne zu spielen. Und jamme wieder zwischendurch. Du kannst auch beginnen, beim Jammen zwischen den Pattern zu wechseln.

Hier für Dich zum Download alle 5 C – Dur / A – Moll Patterns.

Mit den 5 Patterns kannst Du alle Dur- und Moll-Tonarten spielen

Spiele jetzt auch mal in anderen Tonarten. Das funktioniert, indem Du die Pattern in andere Bünde verschiebst. Wenn Du das Pattern von A-Moll (C-Dur) vom 5. in den 12. Bund schiebst, spielst Du in E-Moll oder in G-Dur.

Das Griffbrett beherrschen - Em im 12. Bund
E-Moll Pattern im 12. Bund

Einen Nachteil hat die Schieberei. Wenn Die Patterns schon so weit verinnerlicht hast, dass Du immer weißt, welchen Ton Du gerade unter dem Finger hast, musst Du das für andere Tonarten neu lernen. Das heißt, es ist schon sehr aufwändig, für alle Tonarten zu lernen, Noten vom Blatt zu spielen.

Dafür haben wir Gitarristen einen unschätzbaren Vorteil gegenüber den Klavierspielern: Der Klavierspieler muss sich in anderen Tonarten mit den schwarzen Tasten herumschlagen, kann also ein Lied nicht eben mal zwei Töne höher spielen. Wir schieben hingegen einfach die gewohnten Patterns höher und tiefer und können ohne zu Üben eine Solo in einer andere Tonart transponieren.