Tonleitern und Stufen-Akkorde

Hast Du schon mal eine Live-Jam-Session gesehen? Der Drummer fängt mit einem coolen Rhythmus an, der erste Gitarrist spielt eine Akkordfolge, der Bassist gesellt sich mit einer passenden Basslinie dazu und der nächste Gitarrist  beginnt, eine Melodie zu spielen. Und alles passt perfekt zusammen! Wie machen die das? Ganz einfach: Mit ein wenig Wissen über Tonleitern und Akkorde und etwas Übung gelingt Dir das auch.

Dur- und Moll-Tonleitern: Weit verbreitet in der abendländischen Musik

In der abendländischen Musik sind siebenstufige Tonleitern üblich und werden von uns als „angenehm“ empfunden. Sie beginnen auf einem Grundton, und der achte Ton ist dann wieder der Grundton, nur eine Oktave höher. So sieht zum Beispiel die C-Dur-Tonleiter aus, die auf C beginnt:

Die C Tonleiter

Oben siehst Du die Noten, unten die Gitarren-Tabulatur. Die Abstände zwischen den einzelnen Tönen bestehen entweder aus halben oder aus ganzen Schritten – als Intervall kleine bzw. große Sekunde genannt. In den Dur-Tonleitern ist zwischen der 3. und 4. Note und zwischen der 7. und 8. Note ein Halbtonschritt. Alle anderen Intervalle sind Ganztonschritte. Das siehst Du auch, wenn Du die Tonleiter auf der Gitarre auf einer einzigen Saite spielst – bei den Halbtonschritten rückst Du zwischen zwei Tönen einen Bund höher, bei den Ganztonschritten zwei Bünde.

Dur-Tonleitern werden von uns als „fröhlich“ wahrgenommen. Als Gegenstück gibt es die Moll-Tonleitern, die wir als eher „melancholisch“ empfinden. Zu jeder Dur-Tonleiter gibt es eine Moll-Tonleiter, die aus demselben „Tonmaterial“ besteht. Der einzige Unterschied ist, dass die jeweilige Moll-Tonleiter zwei Töne tiefer beginnt. Zu C-Dur ist das A-Moll:

Die Am Tonleiter

Bei allen anderen Tonarten müssen einige Töne um einen Halbton erhöht oder erniedrigt werden, um die Halbtonschritte an die richtigen Stellen zu rücken. Diese Tonarten erkennst Du an den Kreuzchen bzw. b-chen, die die Noten erhöhen oder erniedrigen.

Bevor Du mir vor lauter Theorie abspringst, eine gute Nachricht für uns Gitarristen: Wenn wir das Griffschema für C-Dur und A-Moll beherrschen, können wir alle anderen Tonleitern durch Schieben des Griffschemas auf dem Gitarrenhals erzeugen: Die Ganz- und Halbtonschritte brauchen uns nicht weiter zu kümmern, das stimmt ganz automatisch!

Auf jedem Ton der Tonleiter baut ein Stufenakkord auf

Beschäftigen wir uns jetzt mit den Akkorden.  Ein Akkord ist in seiner einfachsten Form ein Dreiklang, besteht also aus drei Tönen: Dem Grundton, einem zweiten Ton in einer Terz Abstand und einem dritten Ton, der wiederum eine Terz Abstand vom zweiten Ton hat. Ob es ein Dur- oder ein Moll-Akkord ist, wird durch die Größe der Terzen festgelegt. Beim Dur-Akkord ist die erste Terz groß und die zweite klein, beim Moll-Akkord ist es umgekehrt. Die Namen der Intervalle kommen aus dem Lateinischen, eine Terz ist ein Abstand von drei Tönen, wobei der erste Ton mitgezählt wird. Das bedeutet, man bekommt eine große Terz, wenn kein Halbtonschritt enthalten ist, und eine kleine Terz, wenn ein Halbtonschritt enthalten ist. Eine große Terz besteht aus zwei Ganzton-Schritten, eine kleine Terz aus einem Ganzton- und einem Halbton-Schritt. Probiere es mal auf Deiner Gitarre aus.

So sehen die Stufenakkorde für die A-Moll-Tonleiter aus:

Die Stufenakkorde in Am

Ein einzelner Großbuchstabe bezeichnet einen Dur-Akkord, ein Großbuchstabe mit einem „m“ dahinter einen Moll-Akkord. Manchmal wird in Notationen ein Moll-Akkord auch durch einen Kleinbuchstaben bezeichnet, aus „Am“ wird „a“. Die Akkorde werden automatisch durch die Tonleiter festgelegt. Der auf dem Grundton A basierende Akkord ist deshalb moll, weil sich zwischen A und C eine kleine Terz – wegen des Halbtonschrittes von B auf C – und zwischen C und E eine große Terz befindet. Bei dem auf C basierenden Akkord sorgt der Halbtonschritt zwischen E und F für eine kleine Terz im Intervall zwischen zweitem und drittem Ton. Eine Ausnahme bildet der Bdim-Akkord. Er besteht aus zwei kleinen Terzen, deshalb wird er als „vermindert“ bzw. „diminished“ bezeichnet.

Bei den Gitarren-Akkorden, die mit 4, 5 und 6 Saiten gespielt werden, werden einige Töne aus dem Dreiklang einfach auf mehreren Saiten gegriffen.

Tonleiter und Stufenakkorde passen optimal zusammen

Wie hilft uns denn die ganze Theorie beim Komponieren, Solieren und Improvisieren? Das ist einfach: Jeder Song hat eine Tonart – mal vernachlässigt, dass manche Songs die Tonart mittendrin wechseln. Nehmen wir an, der Song ist in Am geschrieben. Das bedeutet, dass nur Akkorde verwendet werden, die auf den Stufen der A-Moll-Tonleiter basieren. Und wenn Du beim Solieren nur Töne aus dieser Tonleiter spielst, dann passt das automatisch zu den Akkorden. Hier als Hörbeispiel die Akkordfolge Am-C-F-G und über jeden Akkord jeweils die gesamte Tonleiter gespielt:

Interessant, wie unterschiedlich die Töne über den verschiedenen Akkorden wirken, nicht?

Es gibt ganze Bücher über das Thema, welche Akkorde in welcher Reihenfolge – sogenannte Akkord-Kadenzen – Sinn machen beziehungsweise gut klingen. Eine einfache Faustregel ist: Beginne auf dem Grund-Akkord der Tonleiter, spiele dann andere Stufenakkorde, um eine gewisse Spannung aufzubauen, und ende wieder auf dem Grund-Akkord. Du kannst aber auch auf einem anderen Akkord enden, Hauptsache die durch die Zwischenakkorde aufgebaute Spannung wird wieder aufgelöst. Ein paar Beispiele:

  • Am-F-G-Am
  • AM-C-G-F
  • Am-G-F-E

Ha, Du hast aufgepasst – der E-Dur-Akkord in der letzten Kadenz ist doch gar kein Stufenakkord der Am-Tonleiter, korrekt wäre der Em-Akkord! E-Dur geht dennoch, es passt sehr gut und macht die Akkordfolge sogar interessanter. Der Trick beim Solieren ist es, auf den einzelnen Akkorden kleine Pausen im Solospiel einzubauen, und jeweils auf einem Ton zu pausieren, der Teil des Akkordes ist. Beim E-Dur sind das E und das B in A-Moll enthalten, also kannst Du bei der Akkordfolge Am-G-F-E auf dem E oder B enden. Besonders interessant klingt es, wenn Du über dem E-Akkord das Gis in Dein Solospiel einbaust. Genau das ist nämlich der Ton, der Em von E unterscheidet. Du spielst in diesem Moment eine andere Tonart, nämlich nicht mehr das „normale“ Moll, „natürlich Moll“ genannt, sondern das sogenannte „harmonische Moll“, in dem der siebte Ton um einen Halbton erhöht wird. Die Tonleiter klingt, finde ich, etwas orientalisch.

Übungsbeispiele für die Praxis

Nun, wie übt man das am besten? Das ist das Schöne: Einfach rumprobieren. Und das macht richtig Spaß! Du spielst Dir eine Akkordfolge als Endlos-Schleife ab und improvisierst Melodien darüber. Versuche, auf verschiedenen Tönen je Akkord eine kurze Pause einzuschieben, und variiere die Tonlängen. Auch ein paar Slides und Bendings bringen Leben in die Melodie. Du brauchst gar nicht darüber nachdenken, welche Töne wann passen, sondern Du bekommst mit der Zeit ein Gefühl dafür.

Vielleicht willst Du mit dem A-Moll Pattern im fünften Bund anfangen:

Tonleitern - Am im 5. Bund

 

 

 

Ich habe Dir den Grundton A mit rot markiert. C habe ich ebenfalls farblich hervorgehoben, um damit zu verdeutlichen, dass die C-Dur-Tonleiter aus denselben Tönen besteht. Du fängst einfach auf C an, und schon wird aus A-Moll C-Dur. Übrigens habe ich die international gebräuchliche Notation genommen, also den Ton „B“ anstelle des in Deutschland verwendeten „H“ genommen. Dann gibt es keine Verwirrung, wenn Du zufällig auf einer englischen Website stöberst.

Hier ein Playalong für Dich zum Üben, mit gemütlichen 80 BPM eingespielt:

Download des Playalong

Es besteht aus der Akkordfolge Am-C-G-F Am-C-G-Dm Am-C-G-F E. Dazu passt die A-Moll-Tonleiter, und auf dem letzten E die A harmonisch Moll, wie oben beschrieben. Fang am besten ganz langsam an, Du kannst erst mal ganze oder halbe Noten spielen und Dich nach und nach im Tempo steigern. Lasse einzelne Töne auf den Akkorden stehen und höre, welche Töne am besten passen. So bekommst Du ein Gespür dafür, auf welchen Tönen Du später, wenn Du schnelle Tonfolgen spielst, kleine Pausen einbauen kannst. So könnte sich das anhören – das war nicht einstudiert,  ein paarmal habe ich einen nicht ganz passenden Ton gespielt oder rhytmisch daneben gelegen, aber so ist das halt beim Improvisieren :-):

Das ist wie Autofahren – als Fahrschüler musstest Du über jede Bewegung nachdenken: Kuppeln, Gang rein, Kupplung laaangsam kommen lassen und gleichzeitig Gas geben. Mist, schon wieder abgewürgt! Heute geht das alles automatisch, du denkst nur noch: „Ich will anfahren“, und der Rest läuft im Unterbewusstsein ab. Genauso funktioniert das beim Improvisieren.

Wenn Du ein Effektgerät besitzt, das einen eingebauten Looper hat – wie beispielsweise mein Boss GT 10 – kannst Du das wunderbar zum spontanen Üben einsetzen. Einfach eine kurze Akkordfolge aufnehmen, auf endlos abspielen stellen und dazu Melodien improvisieren. Ich habe in einem Übungsbuch eines bekannten Gitarristen gelesen, dass ein Großteil der regelmäßigen Übungen aus Improvisieren bestehen sollte. Jedefalls wird mir das nie langweilig, weil ich immer neue Akkordfolgen ausprobiere und mir dazu Solo-Patterns ausdenke.

Hier noch ein weiteres Playalong in Am zum Üben:

Download des Playalong

Diemal habe ich es mit mehr Verzerrung und mit Powerchords gespielt. Die Powerchords bestehen ja nur aus der Quinte zum Grundton und, wenn Du sie auf drei Saiten spielst, aus der Oktave. Deshalb sind sie weder Dur noch Moll, sondern „geschlechtslos“. Das schauen wir uns in einem späteren Beitrag an.

So würde ich dazu improvisieren:

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Solieren!

Wenn Du Deine coolen Improvisationen aufnehmen möchtest, wirf doch mal einen Blick in Gitarren Recording mit Ardour.

Und wenn Du Dein Solospiel und die Navigation auf dem Griffbrett verbessern willst, kannst Du mit Das Griffbrett beherrschen – effizient lernen weitermachen.