Kirchentonarten auf der Gitarre

Ein Großteil der Pop- und Rockmusik beschränkt sich auf die Tonarten Dur und Moll. Es gibt aber weitere Tonarten, mit denen Du als Gitarrist Dein Spektrum erheblich erweiterst und mehr Spannung in Deine Musik bringst. Was es mit den sogenannten „Kirchentonarten“ auf sich hat und wie Du sie auf der Gitarre einsetzen kannst, erkläre ich Dir in diesem Beitrag.

Die Dur-Tonart ist ein Ausschnitt aus den 12 möglichen Tönen

Nehmen wir die Tonart C-Dur. Sie besteht aus den sogenannten Stammtönen. Das sind diejenigen Töne, die auf dem Klavier den weißen Tasten entsprechen.

Kirchentonleitern C ionisch
C-Dur Tonleiter auf dem Klavier

Das B ist im deutschen Sprachraum H, ich verwende hier die internationale Bezeichnung. Die Stammtöne sind ein Ausschnitt aus dem gesamten, im abendländischen Raum üblichen Tonumfang. Nimmt man auch die schwarzen Tasten des Klaviers dazu, gibt es insgesamt 12 Töne pro Oktave.

Tonleitern chromatisch
Alle 12 Töne auf dem Klavier

Es fehlt das E# und das B#. Warum? Weil es zwischen E und F und zwischen B und C jeweils nur einen Halbtonschritt gibt. Das siehst Du auf dem Klavier, dort liegen zwei weiße Tasten nebeneinander. C-Dur hat also zwischen dem 3. und 4. Ton – E und F – einen Halbtonschritt. Dasselbe gilt für den 7. und 8. Ton, also B und C.

Die Kirchentonarten lassen sich aus der Dur-Tonart ableiten

Die einfachste Erklärung für die Kirchentonarten geht so:

Du kannst auf jedem Ton der C-Dur-Tonart eine Tonleiter aufbauen. Fängst Du auf dem C an, hast Du C-Dur. Heißt als Kirchentonart auch Ionisch. Fängst Du auf dem D an, hast Du D-Dorisch. Durch die Verschiebung liegen die Halbtonschritte an anderen Stellen, nämlich zwischen dem 3. und 4. Ton und 6. und 7. Ton. Dadurch klingt C-Dorisch völlig anders als C-Dur. Hier ist die komplette Liste der Kirchentonarten:

Bezeichnung Töne Halbtonschrite
C-Ionisch C, D, E, F, G, A, B, C 3-4, 7-8
D-Dorisch D, E, F, G, A, B, C, D 2-3, 6-7
E-Phrygisch E, F, G, A, B, C, D, E 1-2, 5-6
F-Lydisch F, G, A, B, C, D, E, F 4-5, 7-8
G-Mixolydisch G, A, B, C, D, E, F, G 3-4, 6-7
A-Äolisch A, B, C, D, E, F, G, A 2-3, 5-6
B-Lokrisch B, C, D, E, F, G, A, B 1-2, 4-5

Übrigens ist A-Äolisch gleich A-Moll, das heißt , mit Dur und Moll beherrschst Du schon zwei Kirchentonarten.

So weit, so gut. Was bringt Dir dieses Wissen als Gitarrist? Meine Erfahrung war: Erst einmal gar nichts! Als ich verstanden hatte, wie sich die Kirchentonarten aus C-Dur/A-Moll ableiten lassen, wollte ich als nächstes in einer der Tonarten ein Solo spielen. Ich hatte mir damals Dorisch ausgewählt. Also nahm ich ein paar Akkorde auf und begann, in den mir geläufigen Patterns zu solieren, mit dem Ton D als Startpunkt. Es war frustrierend. Innerhalb von Sekunden klang mein Solo wie in A-Moll gespielt. Das ist ja auch kein Wunder: Die Stufenakkorde von D-Dorisch sind dieselben wie von A-Moll (oder C-Dur). Und das Tonmaterial ist ebenfalls dasselbe.

Um die Kirchentonarten erfolgreich zu verwenden, ist ein anderer Ansatz notwendig.

Die Akkordfolgen geben die Tonart an

Stell‘ Dir vor, Du jammst ein bisschen mit einem Kumpel. Er spielt Akkorde, und Du improvisierst eine Melodie. Ihr habt Euch auf A-Moll geeinigt, oder Du hast aus seinen Akkorden herausgehört, dass A-Moll gut dazu passt. Aber plötzlich spielt er einen D-Dur-Akkord! Und Deine Improvisation klingt dazu völlig schräg. Kein Wunder, denn das F# aus dem D-Dur Akkord kommt nicht in der A-Moll Tonleiter vor. Deshalb hast Du zwischen Deinem Solo und dem Akkord potentiell eine kleine Sekunde als Intervall, und das klingt dissonant.

Was tust Du jetzt? Dem Kumpel sagen: „Bitte spiele ein Dm, ansonsten passt meine Tonleiter nicht!“? Sagt er daraufhin: „D klingt aber spannender als Dm!“. Und je nach Akkordfolge hat er sogar recht.

Es gibt eine Lösung, mit der Du Deinen Kumpel und eventuelle Zuhörer beeindrucken kannst: Du spielst in Deinem Solo anstelle des F das F#. Und schwups, bist Du in der Tonart A-Dorisch. Das klingt super, weil es einerseits passt, sich aber andererseits aus dem Popmusik-Einheitsbrei hervorhebt. Wenn Du dann noch geschickt anbringst, dass Du gerade in Dorisch solierst, bist Du ganz weit vorne…oder hast Deinen Ruf als Klugscheißer weg :).

Warum ist das A-Dorisch? Schauen wir uns die Tonleiter an:

Kirchentonleiter A Dorisch

Durch das Anheben des F auf F# (gesprochen Fis) verschiebt sich der zweite Halbtonschritt von Stufe 5-6 eins nach oben auf Stufe 6-7. Der erste Halbtonschritt bleibt zwischen 2 und 3. Also wird aus A-Äolisch bzw. Moll – siehe in der Tabelle oben in der Spalte Halbtonschritte – ein A-Dorisch. Und so klingt A-Dorisch:

Die Kirchentonarten besitzen alle dieselben Griffbrett Pattern

Da die Kirchentonarten, wie oben beschrieben, auf denselben Tönen wie die zugrunde liegende Dur-Tonart basieren (die ja auch selbst eine Kirchentonart ist, können sie auch mit denselben 5 Patterns auf der Gitarre gespielt werden. Allerdings willst Du sicherlich nicht immer nur in C-Dur, D-Dorisch, E-Phrygisch und so weiter spielen.

Du kannst zum Beispiel das G-Dur-Pattern aus dem 5. Bund verwenden, um im A-Dorisch zu spielen. Du fängst die Tonleiter statt auf dem G im 5. Bund der D-Saite auf dem A im 5. Bund der E-Saite an, und schon hast Du A-Dorisch. Warum ist das so? Weil Dorisch immer auf dem 2. Ton der zugehörigen Dur- bzw. Ionisch-Tonleiter beginnt.

Wenn Du, so wie ich, nur die C-Dur und A-Moll Pattern beherrschst: Macht nichts, denn das G-Dur Pattern im 5. Bund sieht genauso aus wie das A-Moll Pattern im 10. Bund. Denn G-Dur und E-Moll haben identische Pattern, und A ist einen Halbton und zwei ganze Töne über dem E, also fünf Bünde. Habe ich Dich verwirrt? Dann lies doch mal die Beiträge, die sich mit der Griffbrett-Navigation beschäftigen: Das Griffbrett beherrschen und Fingersätze verbinden.

Kirchentonarten A-Dorisch
A-Dorisch im 5. Bund

Du kannst es Dir auch so vorstellen: Du spielst das A-Moll-Pattern im 5. Bund. Aber anstelle des F im 8. Bund der A-Saite spielst Du das Fis im 4. Bund der D-Saite. Und die B-Saite drückst Du mit dem Ring- statt dem Mittelfinger herunter, dadurch wird aus F ein Fis.

Wenn Du A-Dorisch im 12. Bund spielen willst, nimmst Du das A-Moll Pattern aus dem 5. Bund, verschiebst es in den 12. Bund, und beginnst die Tonleiter auf der A-Saite im 12. Bund:

A-Dorisch im 12. Bund
A-Dorisch im 12. Bund: Sieht aus wie E-Moll, isses aber nicht

Die anderen Patterns kannst Du mit dem Gelernten selbst ableiten, das ist eine gute Übung.

Die Verwendung derselben Pattern birgt allerdings auch eine Gefahr: Wenn Du gewohnt bist, in einer bestimmten Tonart zu spielen, passiert es Dir schnell, dass Du wieder in diese Tonart wechselst. In diesem Fall wäre das E-Moll oder G-Dur. Aber wo ist dann der Unterschied zwischen A-Dorisch und E-Moll, und wie übt man das?

Tipps für das Üben der Kirchentonarten

Wie auch bei den Dur- und Moll-Tonarten, geht es nicht von heute auf morgen, in einer neuen Tonart zu spielen. Also habe ein wenig Geduld. Aber mit den richtigen Übungen schaffst Du es sicherlich, in wenigen Tagen mit einer neuen Tonart vertraut zu werden.

Tipp 1: Höre Dich in die Besonderheit der Kirchentonart ein

Bevor Du selbst in einer Tonart spielst, ist es gut, wenn Du ein Gefühl dafür bekommst. Mir hat es sehr geholfen, bekannt Songs in dieser Tonart anzuhören. Wirf Deine Lieblings-Suchmaschine an und suche nach „bekannte Songs dorisch“. Beispiele sind:

  • I Feel Love von Donna Summer
  • Mad World von Tears for Fears, gecovert von Gary Jules
  • Samba Pa Ti von Carlos Santana
  • Wicked Game von Stone Sour

Tipp 2: Improvisiere Melodien zu Drones

Ein entscheidender Unterschied zwischen A-Dorisch und E-Moll ist: Du beginnst die Improvisation mit A statt mit E, und während des Spielens kommst Du häufig auf den Grundton A zurück. Eine gute Übung ist es, zu einer Drone zu improvisieren. Drones sind in der Musik Töne, die unendlich lange wiederholt werden (nicht zu verwechseln mit den Fluggeräten, die machen zwar auch Geräusche, helfen aber nicht beim Kichentonarten lernen :).  Dadurch vermeidest Du es, in eine andere Tonart zu verfallen.

Nimm also den  Ton A als Drone und versuche, A-Dorisch dazu zu improvisieren. Durch die Drone vermeidest Du, aus Versehen in E-Moll oder G-Dur zu verfallen.

Woher bekommst Du eine Drone? Ich verwende dazu die Linux-Software amsynth. Du kannst aber auch mit der Gitarre immer wieder das A spielen und es aufnehmen. Oder Du schlägst die tiefe A-Saite an, improvisierst ein paar Noten, und dann spielst Du wieder die A-Saite. Wichtig ist nur, dass Du immer wieder den Grundton A hörst, um in der Tonart zu bleiben. Hier ein Beispiel:

Hörst Du, wie das F# dieser Tonleiter ihren besonderen Charakter gibt?

Tipp 3: Improvisiere zu typischen Akkordfolgen

Was sind typische Akkordfolgen? Eine gute Quelle dafür sind Songs, die in dieser Tonart geschrieben sind. Eine einfache Akkordfolge für A-Dorisch ist Am, G, D (kommt zum Beispiel in „Wicked Game“ von Stone Sour vor). Nimm‘ Dir diese Kadenz auf und improvisiere dazu. Nicht alle Töne aus D-Dorisch klingen zu jedem dieser Akkorde gut. Beim Improvisieren bekommst Du relativ schnell ein Gefühl dafür, was passt und was nicht. Insbesondere auf dem D klingt natürlich das Fis besonders gut…denn das ist ja genau der Ton, der A-Dorisch von A-Moll unterscheidet. So könnte es klingen:

Ein paar Tipps für den Anfang:

  • Spiele auf keinen Fall das F aus der A-Moll Tonleiter, auch wenn es auf Am und G passen würde. Du würdest damit mit der falschen Tonart anfangen, und spätestens auf dem D-Akkord klingt das schauerlich.
  • Spiele das F# erst auf den D-Akkord. Dort kannst Du es als Schlusston der Akkordfolge verwenden, oder um das F# herum kreisen.
  • Wenn Du damit sicherer geworden bist, kannst Du auch mal auf den Am Akkord das F# spielen beziehungsweise mit Deiner Tonfolge um das F# kreisen.
  • Du kannst auch auf einem anderen Ton als dem F# beim D-Akkord enden, zum Beispiel auf dem A. Probiere verschiedene Töne aus und schaue, was gut klingt.

Erlaubt ist letztendlich alles, was gefällt.

Schlagzeug und Bass im letzten Beispiel habe ich übrigens mit dem Trio+ Band Creator von Digitech gebastelt, das ist ein nettes kleines Spielzeug zum Üben ohne Band.

Weitere Kirchentonarten üben

Am besten suchst Du Dir für die nächsten Übungen diejenige Kirchentonart aus, die in der von Dir bevorzugten Musikrichtung verwendet wird oder die Dir einfach besonders gut gefällt. Denn der Spaßfaktor ist enorm wichtig für Deine Motivation beim Üben.

In einem der nächsten Beiträge stelle ich Dir eine weitere Kirchentonart genauer vor, nämlich Phrygisch. Die Band Metallica verwendet sie häufig, und wenn Dir ihre Musik gefällt, ist das vielleicht die Tonart für Dich.